Gattung: Frau

Kennt ihr diese Artikel, die uns immer und immer wieder erzählen wollen, was es bedeute eine Frau zu sein und was man alles machen müsse, um dem gerecht zu werden?

Ich habe neulich einen solchen Artikel gelesen und ich glaube ich muss euch nun etwas beichten. Ich bin ein Mann, denn ich kann mich darin nicht wiedererkennen.
Da standen so wertvolle Dinge drin wie „Du darfst auch ungestyled rumlaufen!“ oder „Du musst nicht die perfekte Hausfrau sein!“ oder einer meiner Favoriten „Du musst dich mit deinen Freundinnen nicht nur über Männer und Schminke unterhalten.
Und ich dachte nur: WHAT THE FUCK WELCHER IDIOT SCHREIBT SOWAS?

In meinen Augen sind es genau solche Artikel, die uns Frauen herabstufen und uns als kleine Dummerchen hinstellen. Wir haben in der westlichen Welt einen wirklich guten Stand in der Gesellschaft (verglichen mit anderen Ländern, nicht mit dem Optimum) mit vielen weiblich besetzten Führungspositionen und einer Stimme. Dafür können wir unseren Vorfahren wirklich dankbar sein, aber es gibt mehr zu verbessern, als „Du bist mehr als der Figurtest in der Brigitte und musst den nicht machen“. Wieso unterhalten wir uns über so einen Unfug, anstatt über das eigentliche Problem zu sprechen: das System, das all diese Rollen zulässt?

Das sind nämlich die Dinge, die mich als Frau wirklich nerven. Genauso wie es nervt, dass man ständig von irgendwelchen Kerlen angepfiffen oder anderweitig schmierig angegraben wird. Jungs, das ist kein Kompliment, das verdient einfach nur einen kräftigen Schlag auf den Kopf.

Wenn man sich wirklich über Dinge unterhalten würde, die noch verbesserungswürdig sind, dann fielen mir da z.B. die ungleichen Löhne in so einigen Unternehmen ein. Das ist nichts, das man so hinnehmen kann. Der Lohn sichert den Lebensunterhalt und ich kenne genug fertig ausgebildete Frauen, die sich alleine und ohne gut verdienenden Mann nicht das Leben leisten können, das sie führen wollen. Sie sind schlichtweg abhängig und wenn ich das mal so sagen darf, dann finde ich das zum kotzen.
Genauso wie die an uns gestellte Erwartung, dass wir Frauen in Elternzeit gehen und sowieso unbedingt Kinder haben wollen müssen, damit wir uns dann um Haushalt und co. kümmern können. Denn ohne Kinder, Mann, Haus und Hund wäre unser Leben ja nicht vollständig. Eine Frau, die Erfolg und Karriere ohne Kinder, aber dafür mit Partner möchte, damit sie viel reisen und erleben können wird zu Teilen verhöhnt. Das sei abnormal!
Und was ist mit dem Punkt, dass eine Frau am besten keine Sexualpartner haben darf ohne dafür Hohn zu kassieren und Männer ihre Genitalien vermeintlich in alles stecken dürfen, das nicht niet- und nagelfest ist und dafür auch noch Applaus bekommen.
Meines Erachtens nach ist es auch nicht normal, dass wir uns bei einem Date einladen lassen müssen, weil man ihm sonst seine Männlichkeit rauben könnte. Das hat tatsächlich mal jemand zu mir gesagt! „Gina, du kannst doch nicht bezahlen, das hat ihn bestimmt gestört und deswegen hat es nicht funktioniert!“ – WHAT THE FUCK? – Das ist ein nettes Angebot und wenn man jemanden einlädt, weil man es gerne macht und der Person das als eine Art Wertschätzung zukommen lassen möchte, dann ist das schön und dann freut man sich sehr darüber. Aber die Frau nach einem Date einzuladen, weil man das als Mann eben so macht, ist absoluter Humbug und verdient meines Erachtens nach wiederholt einen Schlag auf den Kopf. Wenn Männer an ihrer Männlichkeit zweifeln, weil sie nicht bezahlen dürfen, dann läuft in unserem System einiges falsch.
Ich könnte das hier jetzt bis ins Unermessliche fortführen, aber ich denke es ist klar, worauf ich hinaus möchte.

Und wisst ihr wo all das meiner Meinung nach anfängt? In der Kinderstube.
Es sind die kleinen Dinge, wie die Unterscheidung der Kinder Überraschungseier in ein Mädchen und ein Jungen Ei. Das bereitet mir genauso Kopfschmerzen wie der Fakt, dass Jungs automatisch zum Sport und Mädchen zum Singen geschickt werden. Warum dürfen Jungs Fußball spielen und werden zum Essen gerufen, während 90% der Mädchen der Mama beim Kochen helfen müssen, weil sie das ja später auch machen müssen? Es wird viel zu häufig blind davon ausgegangen, dass das die Dinge sind, die später eine Frau für ihn übernimmt.

Ich bin wirklich froh, dass meine Eltern mich eben nicht in eine solche Rolle gesteckt haben. Sie haben versucht mich selbst herausfinden zu lassen, wer ich bin und was ich möchte. Auf der einen Seite war ich in einem Chor (Die Si-Sa-Singmäuse, Zucker oder?) und auf der anderen habe ich mit Butschersachen mit den Jungs im Matsch gespielt, hatte Autos und eine Rennbahn und hatte sogar einen Traktor, um draußen im Garten zu buddeln. Ich habe mit Papa Fahrräder repariert und habe alle Pastelltöne gehasst. Ich bin geschwommen, war reiten, habe später Fußball gespielt und auch meine ersten Erfahrungen mit Make-Up und co. gemacht.

Meiner Meinung nach auch alles eine Sache der Selbstfindung, womit wir wieder bei meinem aktuellen Lieblingsthema wären.
Wenn du weißt, wer du bist, dann weißt du, was du willst.
Und das bringt dich automatisch dazu auf deine innere Stimme zu hören, anstatt dich in irgendein seltsames gesellschaftliches Konstrukt stecken zu lassen.

Wir sind alles Menschen, wir entstammen alle verschiedenen Uteri. Egal aus welchem Land, egal welcher Hautfarbe und egal welches Geschlecht du hast. Der eine kann, was der andere nicht kann. Und wenn wir aufhören würden die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist und Feminismus als das anzusehen, was es ist, eine Bewegung in die richtige Richtung, dann schaffen wir es, dass die nächste Generation weniger Probleme diesbezüglich haben wird.

 

 

2 Gedanken zu “Gattung: Frau

  1. Astrid schreibt:

    So ist es! Danke für den Artikel!
    Es fängt wirklich in der Familie an – ich wollte als Kind zwar auch mit Barbiepuppen spielen, aber die Nachbarskinder waren zumeist Jungs – d.h. ich war auch in Sahen Matchboxautos usw. sehr bewandert. Ich wollte kochen lernen, aber es gefällt mir so gar nicht. Im Gegensatz zu meinem Freund, der wirklich wahnsinnig gerne kocht und das auch gut. Und ich arbeite in einer „Männerdomäne“ – angeblich. Ich bin Archäologin und du hast ja keine Ahnung, wie oft man mich darauf hingewiesen hat, wie „schwer“ die Arbeit ist, dass man da „graben“ muss usw.
    Gleichzeitig wurde ich kritisch beäugt, weil ich eben mit lckierten fingernägeln zur Arbeit kam. Meiner Meinung widerspricht sich das alles nicht. Aber für viele Leute war das irgendwie doch eigenartig und unverständlich, denn als Mädchen hätten mich menschliche Knochen etc. doch ekeln sollen.

    Ich finde deinen Artikel sehr gut und hoffe, du bekommst viele Leser. Wir Frauen sollten wirklich dankbar sein, wie gut es uns hier geht, aber gleichzeitig müssen wir uns bewusst werden, dass wir noch immer nicht gleichberechtigt sind – manchmal aufgrund von so simplen Dingen wie, keine Ahnung, Mädchen spielen nicht Fußball oder machen kein Krafttraining, während Jungs nicht kochen und schon gar nicht Friseur werden wollen.

    Liebe Grüße und mach weiter so!
    Astrid

    Gefällt mir

  2. Franzi schreibt:

    „Und wenn wir aufhören würden die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist und Feminismus als das anzusehen, was es ist, eine Bewegung in die richtige Richtung“ PREACH SISTER!

    Oh mein Gott dein Text spricht mir aus der Seele und du hast die Dinge wunderbar auf den Punkt gebracht. Am besten finde ich dass du schreibst dass es das Wichtigste ist das System zu hinterfragen und zu ändern.
    Es vergeht echt fast keinen Tag wo ich mich nicht über Sexismus aufrege, wahrscheinlich geht es dir ähnlich. Aber es ist wichtig dass wir das machen und es auch erzählen und weitergeben finde ich.

    Bis die Leute nicht verstehen dass Feminismus uns all freier macht bis dahin ist keiner frei.

    Lieben Gruß

    Gefällt 1 Person

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