Mein früheres Leben als Komparse

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, dann läuft mir teilweise ein kalter Schauer über den Rücken. Manchmal habe ich das Bedürfnis in die Vergangenheit zu reisen und mein jüngeres Ich anzubrüllen „Was tust du da? ZUM TEUFEL NOCHMAL! Sei doch bitte du selbst und trau dich zu dir zu stehen.“

Die Unsicherheit über mein Aussehen wuchs von Jahr zu Jahr. Parallel dazu wuchs übrigens noch was ganz anderes: Die Sicherheit über die eigene Nichtigkeit. 

Um ehrlich zu sein fand ich mich früher immer ziemlich hässlich. Groß, schlaksig, keine Brüste und auch noch große Füße. Zur Freude aller trug ich eine Zahnspange, hatte einen grauenhaften bzw. einen nicht vorhandenen Kleidungsstil und war nicht mal sonderlich gut in der Schule. Der Zugang zur „Streberabteilung“ fiel somit auch aus. Also ging ich einen anderen Weg. Fragt nicht wieso, aber ich verbrachte meine Jugend/Schulzeit damit mit den Mädchen befreundet zu sein, die alle Jungs haben wollten. Das waren zum Teil wirklich schöne Zeiten und im Nachhinein betrachtet, habe ich viel lernen können.

Ich wusste nicht, wer ich war. Also wurde ich einfach das Anhängsel.
In der Hoffnung irgendwo meinen Platz zu finden, kopierte ich einfach ein bisschen was von den beliebten Mädchen. Damals natürlich mehr oder weniger unbewusst. Ich sah nur diesen einen Weg.
Kennt ihr diese Mädchen, die schon früher einen starken Charakter hatten? Eine eigene Art sich zu kleiden, ein tolles Zuhause und ordentlich Selbstbewusstsein. Sie haben wie Magneten auf ihr Umfeld gewirkt. Jeder wollte mit ihnen befreundet sein, alle Jungs flogen wie Fliegen auf sie und in der Schule lief es auch ganz gut. Das waren übrigens diejenigen, die ich eben beschrieb und mit denen ich viel meiner Zeit verbrachte. Zumindest zu großen Teilen. Und wie ihr rausgehört habt: ich war das Gegenteil. Das absolute Gegenteil.

Diese Mädchen hatten immer einen Freund, oder zwei. Und wenn sie keinen hatten, dann standen 10 Jungs Schlange, die ihnen fürchterlich gerne den Rucksack nach Hause getragen hätten. Wenn ich mal einen Jungen toll fand, dann nutzte man mich meistens dazu den Kontakt herzustellen oder akzeptierte mich als „notwendiges Übel“, das zu dem Mädchen gehört, das man will. Irgendwie war ich das hässliche Entlein, das von den Schwänen adoptiert wurde.
Ich war tatsächlich mal jahrelang in einen Jungen verknallt, der dann plötzlich zu meinem besten Freund mutierte und so durfte ich mir sogar noch die Dinge anhören, die er an all den beliebten Mädchen, die mich umgaben toll fand. Schon hart, oder? Das ist mir übrigens nicht nur ein Mal passiert. Wenn ich mich richtig erinnere genau 3 Mal.

Ich glaube ich war eine gute Freundin.
Zu Dates ging ich „gerne“ mit (wir waren jung, man ging nicht alleine). Und so kam es, dass ich teilweise daneben stand, wenn eine meiner Freundinnen eine Rose bekam und wir romantisch – ZU DRITT – durch die Stadt schlenderten. Ich telefonierte Stundenlang mit meinen damaligen Freundinnen, richtete mich oft nach deren Wünschen, rief bei deren Jungs an und nicht zu vergessen: sie sahen neben mir aus wie Heidi Klum persönlich. Ist auch ein freundschaftlicher Dienst für sich. 😀

Ich war immer mal verknallt, aber irgendwie schien ich einen Unsichtbarkeitsumhang zu tragen. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich so wenig ich selbst war. Ich wollte genauso viel Erfolg und Anerkennung bekommen wie diese Mädchen und so wurde ich zu einem lebendigen Kopierer. Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, dann macht mich das tatsächlich etwas traurig. Es gab wenige Menschen, bei denen ich irgendwie dann einfach ich war und mit denen ich wirklich alles teilen konnte. Ich glaube rückblickend gesehen war einer dieser wenigen Menschen meine gute Schul- und Stallfreundin. Wir haben viel Blödsinn gemacht und hatten immer eine menge Spaß. Mit ihr konnte ich mit den Pferden spielen, im Stall im Stroh und Heu rumkriechen und zu Hause mit Schleich Pferden spielen. Und das obwohl wir – theoretisch – schon aus dem „Spielzeugalter“ raus waren. Das war unbeschwert und schön.

Ich suchte Anerkennung und Zuspruch. Aber anstatt diese Dinge in mir selbst zu finden, suchte ich sie verbissen in meinem Umfeld.
Ich wollte nicht das hässliche Entlein sein. Ich wollte Anerkennung, ich wollte wahrgenommen werden. Die Menschen sollten mit mir befreundet sein wollen. Und alles, das ich tat, machte es oftmals nur schlimmer, als besser.
Ich bekam oft zu spüren, dass die Menschen mit mir keine echte tiefgehende Freundschaft verbanden. Das was ich war, war das Anhängsel und das Anhängsel ist nun mal nicht so wichtig. Ich machte viele Dinge, die ich heute anders täte. Letzten Endes waren das die Lehren, die ich brauchte.

Mit den Jahren änderte sich das. Langsam. Sehr langsam!
Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich ein schöner Mensch bin. Von innen und außen. Und zwar nur aufgrund dessen, dass ich wirklich ICH bin.. Ich habe gelernt ich selbst zu sein und zu mir, meiner Meinung und meinen Weltanschauungen zu stehen. Egal wie verquer sie für den einen oder anderen sein mögen. Ich habe gelernt nein sagen zu dürfen. Und dass es egal ist, wie viele Menschen mit mir befreundet sein wollen, solange ich mit mir selbst befreundet bin. Wenn man sich selbst keine Freundin ist, ist die Freundschaft, die man anderen geben kann nichts wert. Rückblickend glaube ich, dass ich viel aus dem Leben als Anhängsel gelernt habe. Trotzdem bin ich froh heute die Hauptrolle in meinem eigenen Film zu spielen und keine Komparsen Rolle im Film eines anderen Menschen mehr zu übernehmen.

Ich glaube, dass es noch viel mehr Menschen so erging und ich glaube auch, dass es vielen jungen Mädchen in der heutigen Zeit so ergeht. Ich wünsche mir für all jene, die dieses Schicksal teilten oder gerade teilen, dass sie zu sich selbst gefunden haben oder zu sich selbst finden. Es gibt nicht schöneres auf diesem Planeten, als man selbst zu sein.

Sei dein ganz eigener Diamant. Hab deinen eigenen Schliff.

XO
Gina

4 Gedanken zu “Mein früheres Leben als Komparse

  1. Kathi schreibt:

    Stark, dass du das so offen mit uns teilst, Gina!
    Wenn ich so drüber nachdenke, meine Kindheit/ Jugend (die ich aber irgendwie nicht als vorbei ansehe ;D) Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass es bei mir ähnlich war. Ich war (bin- eigentlich, aber es stört mich nicht mehr) immer die Kleinste, die mit der Akne und einfach überhaupt nicht besonders. Einige Jahre war ich mit Sicherheit auch „nur“ Anhängsel, aber gottseidank habe ich ziemlich früh gemerkt, wie egal mir die Meinung der meisten anderen ist! Sich jahrelang die Füße und den Rücken kaputt zu laufen (hatte mehrere Jahre jeden Tag hohe Schuhe an, wegen besagter Körpergröße und ständigen dummen Kommentaren, sogar von Lehrern!) bleibt nicht ohne Folgen und da ist mir beim Arzt erst bewusst geworden was ich da gerade mit mir machen lasse.

    Zum Glück ist das bei uns beiden Geschichte und wir wissen auf uns Aufmerksam zu machen, und wenn wir nicht wollen, dann halt nicht.
    Danke für deine Offenheit und Größe (charakterlicherseits hihi)

    Liebe Grüße ♥

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  2. Chrissi schreibt:

    Hallo Gina,
    ich erkenne mich sehr gut in deinem Artikel wieder. Ich hab immer versucht eine von den „coolen“ zu sein. Meine Freundinnen waren auch alle super beliebt und ich war irgendwie dabei aber mehr auch nicht. Dadurch habe ich, was ich leider erst später festgestellt habe, Freundschaften mit anderen zu wenig gepflegt. Das ärgert mich am meisten, neben der Tatsache das ich mich dadurch auch sehr habe ausnutzen lassen. Aber wie du schon sagtest, man lernt daraus. Ich bin noch nicht komplett durch diesen Lernprozess durch und erwische mich noch manchmal dabei das ich mich an den vermeintlich „coolen“ Menschen orientiere. Aber es wird immer besser. 🙂
    Liebe Grüße 🙂

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