Im Glück der Kontrollosigkeit

Sieben Mal die Woche Sport, ein Knick im Kopf, ein gebrochener Ellenbogen, Fressattacken, gefangen im Tal der Tränen und die Wanderung heraus zum Gipfel des Glücks. Von XS über Fressattacken zu glücklich. Was für ein Weg. Ist das normal?

Vor gut 1 1/2 – 2 Jahren war ich an einem Punkt angelangt, an dem glücklich sein für mich hieß dünn zu sein. Jene, die mir schon länger folgen, werden sich noch an diese Zeiten erinnern können. Ich wollte mithalten können. Mithalten mit den dünnen Instagrammäusen und ihren perfekten Bildern. Ich fing an jede Tomatenscheibe drei Mal umzudrehen und ging mindestens 20 Stunden pro Woche zum Sport. Es fühlte sich gut an. Kontrolle, Tüchtigkeit, Shoppen ohne, dass etwas zwickt. Jeden Morgen ein prüfender Blick in den Spiegel. Wo gibt es noch was zu verbessern? Geht da noch weniger? Mehr Sport? Weniger Essen? Mhh…

Das Gefühl von Kontrolle, das ich verspürte, war auf eine unangenehm auffressende Art und Weise erfüllend. Es gab so viel, wie es nahm. Ständig alles unter Kontrolle haben zu müssen, jeden Kuchen „gesünder“ backen zu wollen, damit ich ihn essen kann & morgens mit dem Gedanken aufzuwachen, dass ich zum Sport muss, damit ich dünn bleibe – das ist kein Leben! DAS IST IRRE!

Was ich nicht merkte? Ich befand mich in einem Teufelskreis. Denn langsam schlich sich bei mir etwas ganz fürchterliches ein: Fressattacken.
Ich fing an unbewusst mehr zu essen, hier mal drei Riegel, da mal beim Kochen vom Müsli naschen und so nahm der Zug fahrt auf. Während ich auf der einen Seite mehr aß, fing ich auf der anderen Seite an das mit mehr Sport auszugleichen – noch mehr! Ich kaufte mir eine Fitnessuhr, um bloß nicht die Kontrolle zu verlieren. Waren zu wenig Schritte drauf, ging ich eben nochmal spazieren.
Mehr, mehr, mehr – von allem mehr. Mehr Essen, mehr Sport, mehr Gedanken darüber, mehr Leistung, mehr Kontrolle. Nur eines litt darunter sehr – das was ich Leben nenne büßte sehr ein.

Der Crashdown ließ nicht lange auf sich warten und ich splitterte mir beim Sport einen Teil meines Ellenbogens. Mein erster Gedanke? „Naja, Rad fahren geht ja immer noch!“
„RAD FAHREN GEHT NOCH? BRENNST DU? Du hast einen Gips um deinen verfluchten Arm“ – würde ich meinem Vergangenheits-Ich gerne zubrüllen. Die alte spinnt.

Ich stellte recht schnell fest, dass ich keinen Sport machen konnte. Nicht mal aufs Rad im Studio. Der Kreislauf findet einen Gips am Arm und körperliche Anstrengung nämlich gar nicht lustig. Und so kam es, dass ich keinen Ausgleich mehr hatte und meine Fressattacken tatsächlich ins Gewicht fielen – wortwörtlich. Ich nahm zu. Schnell und viel.
Ich fraß, ich dehnte mich aus, ich wurde unglücklicher denn je.
Keine Ahnung, wie oft ich heulend vorm Spiegel gestanden habe, weil ich es kaum ertragen habe. Wie oft ich nachts aufgestanden bin, weil mein Kopf mir ständig diesen einen Müsliriegel in meiner Schublade ins Gedächtnis rief. Ich konnte nicht anders, als mich zu verurteilen. Was ist aus mir geworden? Wie konnte ich hier enden?

Mit der Zeit fing ich an alles zu hinterfragen und ich fing das erste Mal in meinem Leben an mich mit mir, meiner – ehrlich gesagt – sehr schweren Vergangenheit und meinen Wünschen auseinanderzusetzen.
Ich fing an mich selbst für voll zu nehmen und mal auf MICH und MEINE WERTE zu achten und die Dinge zu verarbeiten, die mir in meinen jungen Jahren schon widerfahren sind.

Ich schloss Frieden.
Mit den Menschen, die mich verletzt haben, mit mir und meinen Fehlern, mit meinen alten Narben und meinen zerbrochenen Träumen. Ich schloss Frieden mit dem, was ich mir selbst angetan hatte und Frieden mit allem, was mich so sehr belastetet, dass ich mich selbst geißelte.Transformation

Irgendwann mit der Zeit hörte das Fressen auf und ich konzentrierte mich auf andere Dinge. Mein Leben bekam eine andere Definition von Glück und seither versuche ich stets auf mich zu hören und meine Energie im Auge zu behalten.
Es gibt Zeiten, in denen ist das nicht immer so einfach. Aber wenn ich, wie heute, eine alte Hose in Größe XS finde, dann weiß ich, wie weit ich gekommen bin und was sich alles verändert hat.

Früher habe ich viel darauf gegeben, was andere von mir halten, ich wollte, dass die Welt mich mag und schön findet. Aber zu welchem Preis? Mittlerweile ist es mir egal. Es ist mir egal, wer was von mir hält – wer mich nicht mag, der hält am besten Abstand. Ganz einfach.
Ich glaube tatsächlich, dass das auf eine ganze schräge Art und Weise der Schlüssel zur inneren Freiheit ist. Wenn du bist, wie du bist, dann wirst du Menschen anziehen, die WIRKLICH zu dir passen.

Ich kann dir zwar nicht sagen,  was es bedeutet glücklich zu sein und vermutlich gibt es auch kein Rezept dafür, aber ich kann dir sagen, dass Glück nicht die Anzahl deiner Freunde oder die Größe deiner Hose ist. Wir Menschen sind so bestrebt danach, 24 Stunden glücklich zu sein, dass wir immer dann, wenn wir mal Trauer verspüren das Gefühl haben, dass das falsch ist und nicht sein darf. Ich glaube Glück ist etwas kleines, spontanes und seltenes.
Es ist wohl mehr ein Gefühl, das dich in bestimmten Momenten überkommt, als ein Zustand, der ewig währt. Vielleicht sollten wir aufhören danach zu suchen und es uns finden lassen, während wir einfach das sind was wir sind: Wir selbst.

XOXO, Gina

 

 

7 Gedanken zu “Im Glück der Kontrollosigkeit

  1. HEINZ EBNET schreibt:

    Hallo Gina, es ist sehr vieles so wie Du es geschrieben hast. Ich habe alles aufmerksam gelesen und kann einiges davon für mich rausziehen. Ich finde es besonders schön wie deutlich und klar das ist was Du schreibst. Ich wünsche Dir weiterhin das beste. Heinz Ebnet.

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  2. HEINZ EBNET schreibt:

    Ein Rückflug mal zu verpassen hat auch was gutes, Du musst Dich mit einer nicht geplanten Übernachtung auseinander setzen, könnte auch interessant werden.

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    • HEINZ EBNET schreibt:

      ZIELE FÜR 2018, DEN ERST ANFANG 19 MÖGLICHEN UMZUG SCHON VORZUBEREITEN UND MICH MIT AUSFLÜBEN IN DIE UMGEBUNG SCHON MAL VON HIER ZU VERABSCHIEDEN, DENN ICH WERDE NICHT HIERHER ZURÜCKKOMMEN. ICH HABE HIER SCHON ZU LANGE GEWOHNT UND ES REICHT VON DAHER AUCH. ICH FREUE MICH AUF VIELES NEUES VON DEM ICH NOCH GARNICHTS WEIß, DENN ES SOLL JA AUCH SO SEIN

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  3. HEINZ EBNET schreibt:

    Hallo Gina, in Dir stecken soviele unglaublich tolle Ideen, Du kannst über sehr vieles sehr sinnvolles was sagen. Ganz ehrlich und wirklich so gemeint warum schreibst Du darüber nicht ein Buch oder bessere mehrere, denn eines würde niemals ausreichen .Kreativ und mit einem gewaltigen Wortschatz bist Du ebenfalls ausgerüstet, das wäre nach meiner Ansicht toll und warscheinlich auch wunderbar zu lesen.

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  4. HEINZ EBNET schreibt:

    HALLO GINA, DAS WAS DU IN DEINEM NEW YORK ARTIKEL GESCHRIEBEN HAST IST ES DOCH SCHON DAS ZU MACHEN WAS DU WIRKLICH WILLST , WAS DU MIT DEINER EIGENEN FRAGE SCHON BESTENS BESCHRIEBEN HAST. WAS WILL ICH? GENAU UND DARUM GEHT ES IMMER, NICHT DIE WÜNSCHE VON ANDEREN ZU ERFÜLLEN, DAS SOLLEN SIE BITTESCHÖN SELBST MACHEN. ES IST DEIN LEBEN, UND JEDE SEKUNDE TICKT DIE UHR DAVON ETWAS RUNTER. MACHE DAS VON DEM DU EIN EINGENES GUTES GEFÜHL HAST DAS ES RICHTIG IST, DAS IST DEIN INNERER KOMPASS, ER WIRD DICH GUT UND RICHTIG FÜHREN. ICH WÜNSCHE DIR WIE IMMER DAS BESTE.

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